Finanzielle Unabhängigkeit berechnen 2026: deine konkrete Zahl
So berechnest du deine persönliche FIRE-Zahl, die monatliche Sparrate und das Datum deiner finanziellen Unabhängigkeit. Mit Schritt-für-Schritt-Anleitung und Beispielen.
Alexander
Gründer von MyFinance
Inhaltsverzeichnis
Die drei Zahlen, die du brauchst
Um deine finanzielle Unabhängigkeit zu berechnen, brauchst du genau drei Werte:
- Deine jährlichen Ausgaben in heutigen Euro
- Dein FIRE-Datum (Jahr, in dem du frei sein willst)
- Deine Anlagestrategie (typische Renditeerwartung)
Aus diesen drei Werten ergibt sich alles andere: die FIRE-Zahl, die notwendige Sparrate, der Aufholpfad. Falls du neu im Thema bist: Der Ratgeber FIRE-Bewegung erklärt liefert die Grundlagen.
Sehen wir uns jeden Schritt an.
Schritt 1: Jahresausgaben ehrlich ermitteln
Hier scheitern die meisten Rechnungen, weil sie auf Wunschzahlen basieren statt auf der Realität.
Methode:
- Hol dir die letzten 12 Kontoauszüge (Giro + Kreditkarte + alle Konten)
- Zähle alle Ausgaben zusammen (inkl. einmaliger Kosten wie Urlaub, Weihnachten, Reparaturen)
- Teile die Summe durch 12 für den monatlichen Durchschnitt
- Multipliziere mit 12 für die Jahresausgaben
Wer schon ein Budget hat, kann mit der Summe aus dem Haushaltsbudget-Rechner arbeiten.
Wichtig: Berücksichtige Veränderungen, die du nach FIRE planst:
- Wegfallende Kosten: ÖPNV-Pendel, Arbeitskleidung, Mittagessen auf Arbeit (typisch 100 bis 300 €/Monat weniger)
- Hinzukommende Kosten: Krankenversicherung freiwillig (200 bis 400 €/Monat mehr), mehr Freizeitkosten (Reisen, Hobbys)
- Netto-Effekt: oft ähnlich, manchmal etwas mehr Ausgaben in FIRE
Realistische Korrektur: +/− 10 % auf deine heutigen Ausgaben.
Schritt 2: FIRE-Zahl mit der 4-%-Regel
Die einfache Faustformel:
FIRE-Zahl = Jahresausgaben × 25
Beispiele:
- 24.000 € jährlich → FIRE-Zahl 600.000 €
- 36.000 € jährlich → FIRE-Zahl 900.000 €
- 50.000 € jährlich → FIRE-Zahl 1.250.000 €
- 70.000 € jährlich → FIRE-Zahl 1.750.000 €
Die 4-%-Regel stammt aus der Trinity-Studie (1998): Bei einer Entnahmerate von 4 % (auch Entnahmesatz genannt) aus einem diversifizierten Portfolio läuft das Vermögen historisch über 30 Jahre mit 96 % Wahrscheinlichkeit durch.
Konservativ rechnen: 3 bis 3,5 % statt 4 %. Das macht die FIRE-Zahl 14 bis 33 % höher:
- 3,5 % Entnahme → FIRE-Zahl = Jahresausgaben × 28,6
- 3,0 % Entnahme → FIRE-Zahl = Jahresausgaben × 33,3
Bei langem Planungshorizont (FIRE mit 40, 60 Jahre erwartete Restlebenszeit) ist die konservative Variante empfehlenswert. Die komplette Herleitung samt Steuer-Rechenbeispiel findest du im Ratgeber Sichere Entnahmerate: die 4-%-Regel für Deutschland.
Schritt 3: Sparrate für dein FIRE-Datum
Hier wird es konkreter. Die Formel:
FV = Startkapital × (1+r)^n + Sparrate × ((1+r)^n − 1) ÷ r
(wobei r der jährliche Zinssatz und n die Anzahl der Jahre ist)
Wer das nicht selbst rechnen will, nutzt den Sparplanrechner und probiert verschiedene Sparraten, bis die FIRE-Zahl erreicht ist.
Konkretes Beispiel:
Annahmen:
- Du bist 32 Jahre alt
- Aktuelles Vermögen: 25.000 €
- Jahresausgaben heute: 28.000 €
- FIRE-Zahl: 28.000 × 25 = 700.000 €
- Gewünschtes FIRE-Datum: 50 (18 Jahre)
- Reale Rendite: 5 % (nach Inflation)
Notwendige monatliche Sparrate: rund 1.700 €/Monat
Wenn dein Netto-Einkommen 3.800 € beträgt, ergibt das eine Sparquote von 45 %.
Schritt 4: Sicherheitspuffer einbauen
Die Rechnung oben unterstellt:
- Konstante 5 % reale Rendite (in der Realität schwankt sie stark)
- Keine Sequenz-Risiken am FIRE-Datum
- Konstante Ausgaben (in der Realität gibt es Lebensereignisse)
Bewährter Sicherheitspuffer: +30 % auf die FIRE-Zahl. Beispiel: rechnerische FIRE-Zahl 700.000 €, Sicherheitspuffer 910.000 €. Das gibt dir Raum für Marktcrashes, Inflations-Überraschungen und Lebensereignisse.
Alternative: 2 Jahresausgaben Cash-Puffer auf Tagesgeld zu FIRE-Beginn. Wenn der Markt einbricht, lebst du eine Zeit aus dem Cash, verkaufst nicht ins Tief.
Schritt 5: gesetzliche Rente einrechnen
Wichtiger Hebel, der viele FIRE-Rechnungen verzerrt: Wer in Deutschland 20+ Jahre eingezahlt hat, bekommt eine spürbare gesetzliche Rente ab 67.
Beispiel: Deine FIRE-Zahl beträgt 700.000 € (für 28.000 € Jahresausgaben). Ab 67 bekommst du 1.100 €/Monat Rente = 13.200 €/Jahr. Dein Depot muss ab 67 nur noch 14.800 €/Jahr decken, also 14.800 × 25 = 370.000 €.
Das heißt: Du brauchst von 50 bis 67 die volle Entnahme aus 700.000 €, ab 67 reichen 370.000 €. Über die Lebensspanne brauchst du weniger Gesamtvermögen, als die klassische 25er-Regel vermuten lässt.
Mit dem Renten-Gap-Rechner kannst du deine konkrete Rentenerwartung durchspielen.
Vollständiges Beispiel: Klaus, 38 Jahre
Klaus, 38, verheiratet, 1 Kind. Netto 5.200 € (gemeinsam mit Partnerin 7.800 €).
Schritt 1: Ausgaben Familienausgaben aktuell 5.600 €/Monat = 67.200 €/Jahr. Erwartung nach FIRE: leicht niedriger (z. B. weniger Arbeitsweg) und leicht höher (KV) = neutral. Jahresausgaben FIRE: 67.000 €.
Schritt 2: FIRE-Zahl
- Klassisch 4-%: 67.000 × 25 = 1.675.000 €
- Konservativ 3,5 %: 67.000 × 28,6 = 1.916.000 €
Schritt 3: Sparrate Klaus + Partnerin sparen 2.200 €/Monat (28 % Sparquote). Aktuelles Vermögen 220.000 €.
Im Sparplanrechner: 220.000 € Startkapital + 2.200 €/Monat + 5 % real → erreicht 1.675.000 € in rund 18 Jahren, also FIRE mit 56.
Schritt 4: Sicherheitspuffer Klaus rechnet konservativ mit 1,9 Mio. € und +20 % Puffer = 2,3 Mio. € Zielwert. Damit verschiebt sich FIRE auf rund 60.
Schritt 5: Rente einrechnen Ab 67 bekommen beide zusammen schätzungsweise 2.800 €/Monat Rente = 33.600 €/Jahr. Vermögensbedarf nach 67 sinkt: 67.000 − 33.600 = 33.400 € aus Depot. Bei 3,5 % Entnahme: 956.000 €.
Klaus zerlegt den Plan also in zwei Phasen:
- 60 bis 67: Volle Entnahme aus Depot, braucht ca. 7 × 67.000 € + 956.000 € = 1,42 Mio. €
- ab 67: weiterhin 956.000 € bei reduzierter Entnahme
Bei aktueller Sparrate erreichbar mit rund 57.
Häufige Fragen
Welche Rendite-Annahme ist realistisch? Für eine ETF-fokussierte Strategie auf 20+ Jahre Horizont: 5 % reale Rendite (nach Inflation) ist konservativ und historisch belegt. 6 bis 7 % real ist möglich, aber nicht garantiert. Wer in der Rechnung 8 % oder mehr ansetzt, baut auf optimistische Annahmen.
Wie oft soll ich die FIRE-Zahl neu berechnen? Einmal pro Jahr, am besten zur jährlichen Finanz-Inventur. Lebensumstände ändern sich (Familienzuwachs, Karrieresprünge, Erbschaft), Ausgaben verschieben sich, Märkte machen, was sie machen.
Was ist mit Steuern auf die Entnahmen? In der Entnahmephase fallen Abgeltungsteuer (26,375 % plus Soli) auf Kursgewinne und Vorabpauschalen an. Bei niedrigem Gesamteinkommen in FIRE kann der Grenzsteuersatz deutlich niedriger liegen, was sich für Veranlagungsoption lohnt. Vereinfacht: rechne ca. 1,5 Prozentpunkte weniger reale Rendite ein, dann hast du die Steuer berücksichtigt. Alle legalen Steuer-Hebel für die Aufbau- und Entnahmephase zeigt der Ratgeber FIRE-Strategie Deutschland.
Wann lohnt sich ein Finanzberater? Für die Standard-Rechnung selten. Wer aber komplexere Setups hat (selbstständig, mehrere Töchterfirmen, große Erbschaftsplanung), profitiert von professioneller Beratung. Honorar-basiert, nicht provisionsbasiert.
Was, wenn ich mein FIRE-Datum nicht erreiche? Dann verschiebst du es. FIRE ist kein binäres Ereignis, sondern ein Übergangsprozess. Wer mit 50 bemerkt, dass das Depot nur 80 % der FIRE-Zahl erreicht hat, kann entweder weiterarbeiten, in barristaFIRE wechseln oder die Ausgaben anpassen. Mehr im Ratgeber fatFIRE, leanFIRE, coastFIRE.
Mehr aus dem Cluster
Sparen & Vermögensaufbau
200 € im Monat anlegen: so viel Vermögen ist drin
200 € monatlich werden bei 7 % Rendite über 30 Jahre zu rund 243.600 €. Wie der Zinseszins wirkt, wie du die Rate zwischen ETF und Notgroschen aufteilst und wie du startest.
500 € im Monat anlegen: so wird ein Vermögen daraus
Mit 500 € monatlich bist du in einer anderen Liga: rund 609.000 € nach 30 Jahren bei 7 % Rendite. Wie du das Geld aufteilst, was steuerlich zu beachten ist und wann FIRE rechnerisch drin ist.
Sichere Entnahmerate: die 4-%-Regel für Deutschland angepasst
Die 4-%-Regel kommt aus den USA und ignoriert deutsche Steuern. Welche Entnahmerate in Deutschland wirklich sicher ist, was 3 %, 3,5 % und 4 % monatlich bedeuten und wie du das Sequence-of-Returns-Risiko entschärfst.
Über den Autor
AlexanderGründer von MyFinance
Alexander hat MyFinance gegründet, weil ihm verständliche, ehrliche Finanztools für deutsche Privatanleger gefehlt haben. Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Steuern, Geldanlage und Altersvorsorge und schreibt im Ratgeber über genau diese Themen: mit echten Zahlen, aktuellen Werten für das jeweilige Steuerjahr und ohne Verkaufsmaschen. Jeder Artikel wird gegen die offiziellen Rechtsgrundlagen geprüft.
Alle Artikel von Alexander →Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Steuer- oder Anlageberatung. Alle Berechnungen nutzen die offiziellen Werte für das jeweilige Steuerjahr. Mehr dazu in unseren redaktionellen Standards.