Sichere Entnahmerate: die 4-%-Regel für Deutschland angepasst

Die 4-%-Regel kommt aus den USA und ignoriert deutsche Steuern. Welche Entnahmerate in Deutschland wirklich sicher ist, was 3 %, 3,5 % und 4 % monatlich bedeuten und wie du das Sequence-of-Returns-Risiko entschärfst.

Alexander

Gründer von MyFinance

· 8 min Lesezeit
Inhaltsverzeichnis

In der Aufbauphase dreht sich alles um Sparquote und Rendite. Irgendwann steht aber die spannendere Frage im Raum: Wie viel darfst du jedes Jahr aus deinem Depot entnehmen, ohne dass es vor dir stirbt? Diese Zahl heißt Entnahmerate (oder Entnahmesatz), und die berühmte Antwort lautet 4 %. Sie ist aber eine US-Antwort auf eine US-Frage: In Deutschland rechnen Steuern, Krankenversicherung und ein oft deutlich längerer Ruhestand mit. Dieser Artikel zeigt, welche Entnahmerate hierzulande wirklich sicher ist und was das konkret pro Monat bedeutet.

Was besagt die 4-%-Regel eigentlich?

Die 4-%-Regel geht auf den US-Finanzplaner William Bengen (1994) zurück und wurde durch die Trinity-Studie (1998, drei Professoren der Trinity University in Texas) populär. Die Studie hat historische 30-Jahres-Zeiträume durchgerechnet: Wer im ersten Jahr 4 % seines Depots entnimmt und den Betrag danach jährlich um die Inflation erhöht, überstand die 30 Jahre je nach Aktienquote in rund 95 bis 98 % der historischen Fälle, ohne dass das Geld ausging.

Daraus folgt die bekannte Faustformel: Zielvermögen = 25 × Jahresausgaben. Was FIRE als Konzept bedeutet und wie die FIRE-Zahl entsteht, erklärt der Ratgeber FIRE-Bewegung erklärt im Detail. Hier geht es um die Gegenrichtung: die Entnahmephase.

Drei Einschränkungen der Trinity-Studie werden oft übersehen:

  1. 30 Jahre Horizont. Wer mit 45 aussteigt, plant eher 45 bis 50 Jahre. Für so lange Zeiträume sinkt die historisch sichere Entnahmerate auf etwa 3,25 bis 3,5 %.
  2. US-Daten. Der US-Aktienmarkt lief im 20. Jahrhundert außergewöhnlich gut. Globale Portfolios liefern konservativere Werte.
  3. Keine Steuern und Gebühren. Die 4 % sind brutto gerechnet. Genau hier wird es für Deutschland relevant.

Warum die 4-%-Regel für Deutschland angepasst werden muss

Jede Entnahme aus einem ETF-Depot ist ein Verkauf, und der enthaltene Gewinn wird versteuert. Drei Bausteine bestimmen, wie viel vom Bruttobetrag netto ankommt (Stand 2026):

  • Abgeltungsteuer: 25 % plus Solidaritätszuschlag (5,5 % auf die Steuer) = 26,375 % auf Kapitalerträge (plus ggf. Kirchensteuer).
  • Teilfreistellung: Bei Aktienfonds und Aktien-ETFs mit mindestens 51 % Aktienanteil bleiben 30 % der Gewinne steuerfrei. Effektiv zahlst du also 26,375 % × 0,7 = rund 18,5 % auf den Gewinnanteil.
  • Sparerpauschbetrag: 1.000 € Kapitalerträge pro Jahr sind steuerfrei, bei Zusammenveranlagung 2.000 €.

Rechenbeispiel: Du entnimmst 30.000 € pro Jahr aus einem lange besparten Aktien-ETF-Depot, in dem etwa die Hälfte des Werts Kursgewinn ist. Gewinnanteil der Entnahme: 15.000 €. Nach Teilfreistellung steuerpflichtig: 10.500 €. Minus Sparerpauschbetrag: 9.500 €. Steuer: 9.500 × 26,375 % = rund 2.506 €. Netto bleiben etwa 27.494 €, die effektive Steuerlast liegt bei gut 8 % der Entnahme.

Wichtig: Der Gewinnanteil wächst mit den Jahren, nach 20 Jahren Entnahme besteht fast jeder verkaufte Anteil überwiegend aus Gewinn. Die Steuerlast steigt also im Zeitverlauf, dazu kommen für freiwillig gesetzlich Versicherte Krankenkassenbeiträge auf Kapitalerträge. Welche Steuer-Hebel du in der Entnahmephase hast, zeigt der Ratgeber FIRE-Strategie Deutschland.

Die praktische Konsequenz: Wer in Deutschland 30.000 € netto zum Leben braucht, sollte die Entnahmerechnung auf etwa 33.000 bis 34.000 € brutto aufsetzen oder gleich mit einer konservativeren Entnahmerate arbeiten.

3 %, 3,5 % oder 4 %: was bekommst du pro Monat?

So viel Brutto-Entnahme pro Monat liefern die drei gängigen Entnahmeraten bei typischen FIRE-Depotgrößen:

Entnahmerate500.000 € Depot750.000 € Depot1.000.000 € Depot
3,0 %1.250 €1.875 €2.500 €
3,5 %1.458 €2.188 €2.917 €
4,0 %1.667 €2.500 €3.333 €

Umgekehrt gelesen bestimmt die Entnahmerate dein Zielvermögen: 4 % entspricht dem Faktor 25 auf die Jahresausgaben, 3,5 % dem Faktor 28,6 und 3 % dem Faktor 33,3. Wer 2.500 € brutto pro Monat entnehmen will, braucht je nach Rate zwischen 750.000 € und 1.000.000 €.

Welche Rate passt zu wem?

  • 4 %: vertretbar bei kurzem Horizont (Entnahme ab 60, gesetzliche Rente ab 67 in Sicht) und Flexibilität bei den Ausgaben.
  • 3,5 %: der solide Standard für klassisches FIRE mit 45 bis 55 und 40+ Jahren Horizont.
  • 3 %: sehr konservativ, sinnvoll bei Ausstieg vor 45, ohne nennenswerte Rentenansprüche oder ohne Bereitschaft, die Ausgaben je zu kürzen.

Wie du von deinen Ausgaben zum Zielvermögen kommst, rechnet der Ratgeber Finanzielle Unabhängigkeit berechnen Schritt für Schritt vor. Und mit dem Frührente-Rechner kannst du Entnahmerate, Depotgröße und Ausstiegsalter direkt gegeneinander durchspielen.

Was ist das Sequence-of-Returns-Risiko?

In der Entnahmephase zählt weniger die Durchschnittsrendite als die Reihenfolge der Renditen. Das ist das Sequence-of-Returns-Risiko. Ein Beispiel: Zwei Personen starten mit 750.000 € und entnehmen jeweils 30.000 € pro Jahr (4 %). Beide erleben über 15 Jahre dieselben Renditen, nur in umgekehrter Reihenfolge:

  • Person A erwischt den Crash (−30 %) im ersten Jahr: Das Depot fällt auf 525.000 €, nach der Entnahme bleiben 495.000 €. Die 30.000 € sind jetzt 6,1 % des Restdepots. Jeder weitere Verkauf im Tief zementiert den Verlust, das Depot erholt sich oft nie vollständig.
  • Person B erwischt denselben Crash im fünfzehnten Jahr: Bis dahin ist das Depot trotz Entnahmen gewachsen, der Einbruch trifft eine viel größere Basis. Kein Problem.

Gleiche Durchschnittsrendite, komplett unterschiedliches Ergebnis: Die ersten 5 bis 10 Entnahmejahre entscheiden über Erfolg oder Scheitern des gesamten Plans.

Cash-Puffer: die einfachste Absicherung

Das bewährteste Gegenmittel gegen das Sequenz-Risiko ist ein Cash-Puffer von 2 bis 3 Jahresausgaben auf Tagesgeld oder in einem Geldmarkt-ETF, aufgebaut zum Start der Entnahmephase.

So funktioniert die Strategie:

  1. In normalen Jahren entnimmst du planmäßig aus dem Depot, der Puffer bleibt unangetastet.
  2. Im Crash (z. B. Depot mehr als 20 % unter Höchststand) lebst du aus dem Puffer und verkaufst keine Anteile ins Tief.
  3. Nach der Erholung füllst du den Puffer aus dem Depot wieder auf.

Bei 30.000 € Jahresausgaben bedeutet das 60.000 € bis 90.000 € Liquidität. Dieses Geld rentiert kaum, kauft dir aber die Zeit, die viele historische Crashs zur Erholung gebraucht haben. Rechne den Puffer zusätzlich zur FIRE-Zahl, nicht als Teil davon.

Dynamische Entnahme: flexibel statt starr

Die Trinity-Logik unterstellt eine starre, inflationsindexierte Entnahme, egal was der Markt macht. Dynamische Entnahmestrategien sind realistischer:

  • Fester Prozentsatz vom aktuellen Depotwert: Du entnimmst jedes Jahr z. B. 4 % des jeweils aktuellen Stands. Das Depot kann rechnerisch nie auf null fallen, dafür schwankt dein Budget mit dem Markt.
  • Leitplanken-Modell (Guardrails): Du startest mit z. B. 4 % und kürzt die Entnahme um 10 %, wenn die aktuelle Entnahmequote über eine Schwelle steigt (etwa 5 %). Läuft es gut, darfst du erhöhen.

Schon moderate Flexibilität wirkt stark: Wer in schlechten Jahren 10 bis 15 % weniger ausgeben kann, darf im Schnitt spürbar höher entnehmen als mit einer starren Regel. Mit dem Sparplanrechner kannst du vorab prüfen, wie sich ein höheres oder niedrigeres Zielvermögen auf dein FIRE-Datum auswirkt.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Ist die 4-%-Regel in Deutschland noch sicher?

Für 30 Jahre Entnahmedauer ist sie historisch gut belegt (95 bis 98 % Erfolgsquote in der Trinity-Studie). In Deutschland musst du aber Steuern und Krankenversicherung vom Bruttobetrag abziehen und bei frühem Ausstieg den längeren Horizont einrechnen: 4 % brutto funktioniert ab etwa 60, für FIRE mit 45 sind 3 bis 3,5 % die ehrlichere Planungsgröße.

Bezieht sich die Entnahmerate auf brutto oder netto?

Alle klassischen Studien rechnen brutto, also vor Steuern. In Deutschland zahlst du auf den Gewinnanteil jeder Entnahme effektiv rund 18,5 % (Abgeltungsteuer inkl. Soli nach Teilfreistellung). Plane deshalb rückwärts: erst den Netto-Bedarf ermitteln, dann je nach Gewinnanteil im Depot rund 10 bis 15 % Steueraufschlag auf die Entnahme rechnen.

Wie hoch sollte der Cash-Puffer in der Entnahmephase sein?

Bewährt haben sich 2 bis 3 Jahresausgaben auf Tagesgeld oder im Geldmarkt-ETF. Das überbrückt die typische Erholungszeit nach einem Crash, ohne dass du Anteile im Tief verkaufen musst. Den Puffer zusätzlich zum Zielvermögen aufbauen, nicht davon abzweigen.

Senkt die gesetzliche Rente meine nötige Entnahmerate?

Ja, deutlich. Wer 20 oder mehr Beitragsjahre hat, bekommt ab 67 eine spürbare Rente, dein Depot muss dann nur noch die Lücke zwischen Rente und Ausgaben decken. Viele Pläne rechnen deshalb zweiphasig: volle Entnahme bis 67, danach reduzierte Entnahme aus einem kleineren Restvermögen.

Was mache ich, wenn das Depot trotzdem schneller schrumpft als geplant?

Frühzeitig reagieren statt hoffen: Ausgaben temporär um 10 bis 15 % kürzen, die Entnahme ein bis zwei Jahre nicht an die Inflation anpassen oder mit einem Nebeneinkommen den Verkaufsdruck vom Depot nehmen. Wer die Schieflage früh erkennt, braucht meist nur kleine Korrekturen. Deshalb lohnt ein jährlicher Check der aktuellen Entnahmequote.

Zählt der Sparerpauschbetrag in der Entnahmephase überhaupt noch?

Ja, aber er ist klein: 1.000 € pro Jahr für Singles, 2.000 € bei Zusammenveranlagung (Stand 2026). Bei 30.000 € Entnahme mit hohem Gewinnanteil deckt er nur einen Bruchteil ab. Wichtiger sind die Teilfreistellung und die Günstigerprüfung bei niedrigem Gesamteinkommen.

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Über den Autor

Alexander

Gründer von MyFinance

Alexander hat MyFinance gegründet, weil ihm verständliche, ehrliche Finanztools für deutsche Privatanleger gefehlt haben. Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Steuern, Geldanlage und Altersvorsorge und schreibt im Ratgeber über genau diese Themen: mit echten Zahlen, aktuellen Werten für das jeweilige Steuerjahr und ohne Verkaufsmaschen. Jeder Artikel wird gegen die offiziellen Rechtsgrundlagen geprüft.

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